Unser Mitglied Steve Kenner hat bei der diesjährigen Herbsttagung der Deutschen Vereinigung für Politische Bildung (DVPB) in Berlin am 18. November 2016 ein Plädoyer für die Einführung einer Koordinationsstelle politische Bildung an jeder Schule gehalten. Hier findet ihr einen Auszug aus seinem Vortrag:

„Nicht nur, aber vor allem in Zeiten, in denen ausgrenzende Einstellungen wie Rassismus, Antisemitismus und Homophobie zunehmen und in der Mitte der Gesellschaft verankert sind, bedarf es einer Ausweitung und Stärkung schulischer und außerschulischer

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Steve Kenner

politischer Bildung. Das Schulfach Politische Bildung verliert allerdings in einigen Bundesländern zusehends an Bedeutung oder ist vollkommen von der Stundentafel der Schülerinnen und Schüler verschwunden. In Berlin erleben wir derzeit, dass Sozialkunde als eigenständiges Fach kaum noch unterrichtet wird. Von Verantwortungsträgern in Politik und Verwaltung wird dann immer wieder auf das „Schulprinzip Politische Bildung“ verwiesen, um damit eine Schwächung des Faches zu legitimieren.

Dabei gilt es die Bedeutung politischer Bildung hervorzuheben und nicht zu schwächen. Dabei sollten drei Elemente immer berücksichtigt werden:

  1. Stärkung des Unterrichtsfaches (Politikdidaktik)
  2. Erfahrungswelten des Demokratielernens ermöglichen
  3. Freiräume für selbstbestimmtes politisches Handeln schaffen

Um sicherzustellen, dass an jeder Schule die Voraussetzung für diese drei Grundlemente geschaffen und ausgebaut werden, sollte eine Koordinationsstelle politische Bildung an jeder Schule eingeführt werden.

Um eine stärkere Einbindung sozialer wie politischer Themen in einem fächerverbindenden und gesamtschulischen Ansatz politischer Bildung realisieren zu können, bedarf es einer strukturellen Veränderung. Ein Bindeglied zwischen dem Unterrichtsprinzip Politikdidaktik und der Erfahrungswelt demokratischen Handelns. Angelehnt werden könnte diese Koordniationsstelle an den Qualifikationsstellen „Mittelstufenkoordination“ bzw. „Pädagogische/r Koordinator/in“ und Beauftragte für Fort- und Weiterbildung sowie Qualitätssicherung. Bis heute fühlt sich an den Schulen kaum jemand – über das Unterrichtsfach hinaus – verantwortlich für das grundlegende Ziel schulischer Bildung: politische Mündigkeit.

Die Aufgaben der Koordinationsstelle politische Bildung könnten vielfältig sein.

  • Konzeptionelle Planung fächerverbindender Ansätze politischer Bildung
  • AnsprechpartnerIn für Fragen im Rahmen institutionalisierter politischer Teilhabe (Klassenrat, SchülerInnenvertretung, Schulkonferenz)
  • Organisation von Prävention / Interventionsmaßnahmen: Beispielsweise im Fall von Antisemitismus, Sexismus etc. in der Schule / im Unterricht
  • Koordination / Unterstützung bei der Planung von Projekten und Initiativen sowie Kooperationen mit außerschulischen PartnerInnen
  • Pädagogische Begleitung politischer Partizipation von Schülerinnen und Schülern (bspw. von Schülerinnen und Schülern in selbstbestimmten Aktionsformen)

Eine Koordniationsstelle politische Bildung könnte Anlaufstelle für alle Akteure schulischer Bildung sein. Es könnte die Grundlage sein für einen Wandel von passiver politischer Bildung hin zu politischer Bildung, die Handlungsfelder für all jene schafft, die Missstände in der Gesellschaft nicht nur erkennen, benennen und einordnen wollen, sondern auch aktiv Antisemitismus, Homophobie, Sexismus, Rassismus und weiteren gesellschaftspolitischen Herausforderungen begegnen wollen.

Arbeitsgemeinschaften gegen Rassismus, Aktionstage gegen Sexismus und Homophobie, Flüchtlingskonferenzen, Unterschriftenaktionen gegen die neue Handyregelung an der Schule, fächerübergreifende Projekttage zu gesellschaftspolitisch relevanten Themen. All diese Formen politischer Bildung als Zeichen gelebter Demokratie sollten wir unterstützen und nicht blockieren, nur dann werden wir unserer Verantwortung gerecht.

Für das Verstehen politischer Prozesse bedarf es Grundlagen der Politikdidaktik als Schulfach. Das Durchdringen demokratischer Entscheidungsprozesse kann durch modellhafte Erfahrungswelten gelingen, wie sie die Demokratiepädagogik vorschlägt, und für das Erlangen einer hohen demokratischen Selbstwirksamkeit kann politische Aktion hilfreich sein. Diese drei Elemente schulischer politischer Bildung müssen sich nicht ausschließen und könnten ihre Bündelung in einer neu zu schaffenden Koordinationsstelle politische Bildung finden, die an jeder Schule eingeführt werden sollte.“